Fremde Stadt

Ich sitze in einem Café in einer fremden Stadt, in einem fremdlich wirkendem Shoppingcenter. Auf einem übergroßen Flachbildschirm läuft tonlos N-TV, mit einem Bericht über Davos. Im Hintergrund wetteifern Kaffeautomat und Radio Mainstream um die Gunst des Dezibels. Schwarz und grau gekleidete Schüler spielen erwachsen sein und trinken süße Getränke aus übergroßen Plastikbechern, mit rundem Deckel und kindlich wirkendem Strohhalm. Man sieht ihnen die Süßgetränke an. Außen, neben dem Café steht in großen, gelb, schwarzen Lettern „SALE“. Es ist nicht New York, aber die Ladenkette trägt die Großstadt zumindest im Namen. Auf 4 Ebenen reihen sich Markenladen an Markenladen und versprechen eine schöne, süße bunte Welt. Ich esse das viel zu fettige Ciabatta und lese den Werbeslogan auf der Getränkekarte: Ein guter Kaffee ist nicht Geheimnis, sondern Kunst. Ein Schluck aus meiner Espressotasse wirft die Frage auf, was genau die Kunst meines Espressos ist? Für mich bleibt es ein offenes Geheimnis. Während weitere durchsichtige Plastikbecher die Theke verlassen, denke ich, dass diese Welt einen „Reload“ benötigt und besiegle den Gedanken mit einem kräftigen Biss in das gummihafte Mozzarella Ciabatta. Ich fange leise kauend an zu verstehen, was da draußen laut schreiend durch die Gegend läuft. Dafür musste ich mich erst hinsetzten und still sein.

9 Gedanken zu “Fremde Stadt

  1. Eine sehr schöne und nachdenkliche Impression, die mitnimmt in die fremde Alltäglichkeit. Einen Momentlang habe ich mich ertappt beim Nachdenken über die Frage von Kunst am Kaffee.

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